2. Hotel Perrin, ehemals Hotel Sélect, 9, rue de Strasbourg
Eine wichtige Anlaufstation für viele Juden und Jüdinnen war das 1932/33 erbaute Hotel Sélect im Bahnhofsviertel. Es lag in der Straßburger Straße 9 und hieß nach der Fusion mit dem Nachbarhotel Klensch Ende der 1950er Jahre Hotel Carlton. Nach einer grundlegenden Renovierung wird es seit 2020 als Hotel Perrin weitergeführt. Dort fanden in den 1930er Jahren Flüchtlinge eine erschwingliche Unterkunft, wenn sie in Luxemburg strandeten und im Transitland auf eine Passage und ein Affidavit nach den USA oder Südamerika warten mussten. Für Künstler, die in Luxemburg gastierten, war es eine bekannte und beliebte Adresse. So wundert es nicht, dass im Hotel Sélect die Schauspieler Georg Braun und Ernst Hartmann sowie die Schauspielerin Grete Bittner der Exiltheatertruppe Die Komödie abgestiegen waren, sowie für einige Zeit Max und Jacoba Ellenzweig, die ein Theater für Kinder in Luxemburg betrieben.
Das Hotel Sélect, das von dem Bauunternehmer Jean Perrin nach den Plänen des aus Lugano stammenden Architekten Louis Rossi erbaut worden war, wurde am 10. Mai 1933 eröffnet. Es umfasste 40 Zimmer und gilt als ein gelungenes Beispiel für die Art-Déco-Architektur in Luxemburg. Es bot modernen Komfort und verfügte über einen Aufzug. Durch zwei Glaskuppeln wurde Licht in den Empfang und den Speisesaal geleitet. Ein großes, mit stilisierten Blumen und Ornamenten geschmücktes Glasfenster im Empfangsbereich ging auf den Innenhof. Ein besonderer Blickfang war der Teppichfußboden mit floralen Motiven, der laut Luxemburger Wort dem Hotel ein großstädtisches Flair verlieh. Im Erdgeschoss befand sich das Dancing Mascotte, in dem zahlreiche Varieté-Künstler aus den USA und dem europäischen Ausland auftraten. Das Hotel wurde von Jean Heiser betrieben, einem ehemaligen Sportler und erfahrenen Restaurateur, der zuvor ein Gastlokal unter demselben Namen in Esch-Alzette, später ein Restaurant am Bahnhof Luxemburg geführt hatte. Er war bekannt wegen seiner sozialen Gesinnung und seiner Ablehnung des in Deutschland an die Macht kommenden Nationalsozialismus. Als er am 9. November 1939 starb, übernahm seine Witwe Marie Manderscheid den Betrieb.
Da nach dem deutschen Überfall auf Polen die Zahl der in Luxemburg Zuflucht suchenden Juden stark zunahm, beschloss die jüdische Hilfsorganisation ESRA im Einvernehmen mit Frau Heiser-Manderscheid im Hotel Sélect eine Volksküche einzurichten, wo an die 300 jüdische Exilanten täglich eine warme Mahlzeit zu sich nehmen konnten. Der Musiker Kurt Heumann war überglücklich, als ihm und seiner Familie von der ESRA gestattet wurde, im Hotel Sélect mittags und am Freitagabend am Essen teilzunehmen. Die Küche war koscher, wurde vom Rabbinat überwacht und stand unter der Leitung von Frau Fraenkel. Küchenpersonal und Bedienung waren ebenfalls jüdische Flüchtlinge. In drei Schichten wurden die Gäste an langen Tischen bewirtet. Damit keiner schummeln und mehrfach vorstellig werden konnte, wurden Lochkarten mit Namen eingeführt. Das Hotel Sélect war am 24. Oktober 1939 auch der Treffpunkt von 180 in Luxemburg lebenden Polen, die über Brüssel nach Frankreich gebracht wurden, um anschließend in der polnischen Abteilung der französischen Armee zu dienen.
Auch Zusammenkünfte der jüdischen Exilanten und gesellige Feiern fanden im Hotel Sélect statt. So berichtet Hugo Heumann von einer Chanukka-Feier mit Kaffee, Kakao und Kuchen, Geschenken und diversen künstlerischen Darbietungen. Dabei sollen der Wiener Komponist Bruno Granichstaedten und seine Lebensgefährtin Rosalie Kaufmann Lieder aus seiner neuen, in Luxemburg spielenden und von Josy Imdahl getexteten Operette Sonili vorgetragen haben. Auch der Sänger Herr Flemming und der Schriftsteller Karl Schnog sollen an der Feier mitgewirkt haben.
Neben dem Hotel Select gab es weitere Hotels, die im Rahmen einer nach der Konferenz von Évian getroffenen Abmachung zwischen der ESRA und dem Justizministerium jüdische Flüchtlinge beherbergten, die sich im Transitaufenthalt befanden, zum Beispiel das Hotel Italia in der Rue d‘‘Anvers. Für die Hotels, die durch das Ausbleiben von Touristen unter einer schwierigen Wirtschaftslage litten, waren die Abmachungen mit der ESRA, über mehrere Monate jüdische Flüchtlinge aufzunehmen, durchaus interessant. Die Gäste wurden zudem als „ruhige und anständige Menschen“ gelobt.
Die Besetzung Luxemburgs durch die deutschen Truppen bedeutete das Aus für die Volksküche im Hotel Sélect. Doch gelang es Frau Heiser-Manderscheid trotz ihrer anti-deutschen Einstellung, das Hotel unter dem Namen Strassburger Hof bis zum Kriegsende weiterzuführen. Danach nahm das Hotel unter seinem alten Namen den üblichen Betrieb wieder auf. Besonders seine Tanzveranstaltungen mit luxemburgischen Orchestern zogen ein zahlreiches Publikum an.